Finissage: Sonntag 24. Mai, 15 Uhr
Die persische Herkunft des Wortes „Paradies“ pairi-daeza bedeutet Umzäunung oder Einfriedung. Ohne Zaun gäbe es keinen Garten – nichts würde ihn von der umgebenden Natur trennen. Wer seinen Garten pflegt, schafft sich innerhalb eines begrenzten Raums ein persönliches Ideal. Doch sobald Jäten, Graben und das Entfernen unerwünschter Pflanzen zur Arbeit werden, stellt sich die Frage: Kontrollieren wir den Garten – oder kontrolliert er uns? Ähnlich verhält es sich mit sozialen Medien. Wenn wir ein Bild länger ansehen, es liken oder kommentieren, werden uns zunehmend ähnliche Inhalte angezeigt. So entsteht ein Raum, der sich scheinbar nach unseren Interessen richtet. Aber auch hier stellt sich die Frage: Bestimmen wir, was wir sehen – oder bestimmt der Raum unser Verhalten?
Faina Yunusova hat in Moskau monumentale Malerei studiert. Dabei hat sie gelernt, die spezifischen Linienführungen und Lichtverhältnisse von Räumen in großformatige Malereien zu integrieren, die direkt auf die Wand aufgebracht werden. Diese Malerei modelliert den Raum optisch – sie kann ihn strecken, stauchen oder weiten. Der lange, schmalen Fries ist eine besondere Form der monumentalen Malerei, er teilt Räume in der Höhe oder betont ihre Weite. Gleichzeitig funktioniert er seit jeher wie eine Art Filmstreifen, auf dem fortlaufende Handlungen erzählt werden.
Auf Faina Yunusovas Fries verschmelzen die hiesigen Vorgartendekorationen; die Hühner, Katzen, Hunde und Gänse zu künstlichen, mythischen Wesen. Der Satz „The Future does not freak me out, …“ (die Zukunft macht mir keine Angst), der durch das Bild wabert, erinnert an die affirmativen Sprüche von Memes. Mit diesem Fries greift Faina Yunusova ein Phänomen sozialer Medien auf: das endlose Scrollen durch Bilder, die den Blick nur für Sekunden binden, bevor der nächste Beitrag ihn weiterzieht. Ihr Fries zeigt, warum sie sich keine Sorgen um die Zukunft machen muss, denn mit ihrer Malerei ist sie nicht nur in der Lage, die Raumwahrnehmung zu ändern, sie bringt auch den Strom von Informationen zum Stillstand. Wer den Raum betritt, trägt vielleicht die Erwartung eines Paradieses mit sich: Schönheit, Harmonie, Eskapismus. Was ihn empfängt, ist das ursprüngliche pairi-daeza: ein Raum, in dem nichts zufällig wächst.
Faina Yunusova, die 61. Stipendiatin des Willingshäuser Stipendienprogramms kommt aus Taschkent (Usbekistan). Sie studierte bis 2017 monumentale Malerei an der Stroganow-Kunstakademie in Moskau und bis 2022 Bildende Kunst an der Hochschule für Gestaltung Offenbach. Ihre Arbeiten wurden unter anderem auf Schloss Agathenburg, der Galerie Jean-Claude Maier in Frankfurt, der Cité internationale des Arts in Paris, auf dem GoEast Festival in Wiesbaden, im Frankfurter Kunstverein und der Kunsthalle Bremen ausgestellt. Das Stipendium Willingshausen wird unterstützt von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, der SV SparkassenVersicherung und der Kreissparkasse Schwalm-Eder, dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, dem Landkreis Schwalm-Eder sowie der Gemeinde Willingshausen.
Faina Yunusova
#PARADISEEE
The Persian origin of the word “paradise,” pairi-daēza, means enclosure or walled space. Without a fence, there would be no garden—nothing would separate it from the surrounding nature. Those who tend a garden create a personal ideal within a defined space. Yet as soon as weeding, digging, and removing unwanted plants become labor, a question arises: do we control the garden—or does it control us?
A similar dynamic can be observed in social media. When we linger on an image, like it, or comment on it, we are increasingly shown similar content. In this way, a space emerges that appears to align with our interests. But here, too, the question remains: do we determine what we see—or does the space shape our behavior?
Faina Yunusova studied monumental painting in Moscow, where she learned to incorporate the specific lines and lighting conditions of architectural spaces into large-scale wall paintings. This kind of painting models space visually—it can elongate, compress, or expand it. The long, narrow frieze is a particular form of monumental painting: it structures space vertically or emphasizes its horizontal expanse. At the same time, it has historically functioned like a film strip, narrating continuous sequences of action.
In Yunusova’s frieze, local front-yard decorations—chickens, cats, dogs, and geese—merge into artificial, mythical creatures. The phrase “The Future does not freak me out, …” drifting through the image recalls the affirmative language of internet memes. With this frieze, Yunusova addresses a key phenomenon of social media: the endless scrolling through images that capture our attention only for seconds before the next post pulls us onward.
Her frieze demonstrates why she does not fear the future: through her painting, she not only alters spatial perception but also brings the flow of information to a halt. Visitors entering the space may carry with them an expectation of paradise—beauty, harmony, escapism. What they encounter, however, is the original pairi-daēza: a space in which nothing grows by chance.
Faina Yunusova, the 61st fellow of the Willingshausen residency program, was born in Tashkent (Uzbekistan). She studied monumental painting at the Stroganov Art Academy in Moscow until 2017 and Fine Arts at the Hochschule für Gestaltung Offenbach until 2022. Her work has been exhibited, among others, at Schloss Agathenburg, Galerie Jean-Claude Maier in Frankfurt, the Cité internationale des Arts in Paris, the goEast Festival in Wiesbaden, the Frankfurter Kunstverein, and Kunsthalle Bremen.
The Willingshausen residency program is supported by the Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, SV SparkassenVersicherung, Kreissparkasse Schwalm-Eder, the Hessian Ministry for Science and the Arts, the Schwalm-Eder district, and the municipality of Willingshausen.
Text: Marina Rüdiger
Fotos: Jens Gerber